Treffen der Generationen


Seit wenigen Tagen ist das neue iPad auf dem Markt und prompt wird der Platz in Zügen noch ein wenig knapper, vor allem in der Nähe der Tische mit Steckdosen. Da sitzen wir dann alle: Manager, die zum Betrieb ihrer Laptops auf Stromzufuhr angewiesen sind, iPad-Besitzer, denen beim Versuch ihre Neuanschaffung wie ein Buch zu halten, die Arme eingeschlafen sind, und die den Tisch als Stütz- und Positionierungshilfe nutzen müssen – und ich. Ich bin mit einem zehn Jahre alten iBook unterwegs. Mein Macky hält schon länger als viele Ehen und hat deshalb aber auch schon viele Schadstellen vom Zu-doll-Liebhaben. Sein Akku schwächelt. Das blaue Flimmern und Flackern seines Bildschirms macht mich manchmal ein wenig nervös, doch es setzt sein verlorenes G erst richtig in Szene. Das G hat seinen Platz zwischen F und H schon vor einiger Zeit verlassen und klebt nun, gehalten von einem Tesafilmstreifen, unterhalb der Alt-Taste fest. Dort sieht er wie ein Buchstaben-Dirigent aus, der dem Alphabets-Orchester den Takt angibt. Wie es sich für einen Greis gehört, ist Mackys Gehäuse ergraut, und wenn er eine CD auswirft, jappst er, als ginge ihm die Luft aus.
Wegen der vielen Alterserscheinungen kann ich Macky auf Zugfahrten nur noch zum Einsatz bringen, wenn ich einen der erwähnten Tischplätze mit Stromzufuhrgarantie erwische. Dort platziere ich ihn zwischen die anthrazitfarbenen Rechner-Giganten und iPads, auf deren hoch glänzenden Displays keine fingerabdruckfreie Fläche mehr vorhanden ist. Hatten meine Nachbarn mich bis dahin vollkommen ignoriert, werden sie beim Anblick meines Methusalems plötzlich ganz aufmerksam. Sie rücken mit ihren Geräten zurück, damit mein Computer-Veteran genug Platz findet und überlassen mir ungefragt die Steckdose. Manch einem zuckt es sogar verdächtig in den Fingern, ganz so, als würden sie meinem Schätzchen nur zu gern einmal über das ramponierte Plastikgehäuse streicheln. Macky genießt das Familientreffen und flimmert vor Aufregung noch ein bisschen stärker.

Alles zu seiner Zeit


Der Frühling ist da! Schon sitzen sie mit Sonnenbrillen, T-Shirts und kurzen Hosen in Parks und Straßencafés. Dabei sind wir doch gerade erst in der Phase der Übergangsjacken, in der man sich langsam daran gewöhnen muss, nach dem Aufstehen nicht mehr reflexartig die Heizung anzudrehen. Doch der nette Büdchenbesitzer, der uns den ganzen Winter lang mit gebrannten Mandeln und Kastanien gewärmt hat, hat seinen Röstofen bereits gegen eine Eistruhe getauscht. Cabrios wummern die Sommerhits des letzen Jahres durch die Straßen, in den Fußgängerzonen kann man wieder Slalom um Straßenmusikanten laufen, und sogar der Pudel meiner Nachbarin trägt seit zwei Tagen seine Kurzhaar-Frühlingsfrisur. Mir geht das zu schnell. Schließlich hab' ich noch Winterspeck, da kann jetzt nicht schon Sommer sein. Ich will noch einen Jahreszeitenwechsel, wie er sich gehört, mit Frühjahrsmüdigkeit, Frühjahrsputz, Bikini-Diät und Krokussen, die sich durch glitzernde Schneedecke kämpfen. Nun kann ich zwar nicht flott die Reset-Taste drücken und alles steht wieder auf Winter, aber ich kann mich von der Bahn ins Oberengadin bringen lassen. Ende März sind St. Moritz und Maloja genau die richtigen Orte, um den Winter zu verabschieden. Auf den Südseiten der Hausdächer ist der Schnee schon vollkommen geschmolzen, die Schneehauben auf der anderen Seite sind dagegen noch meterdick. Die Ski fahrenden Massentouristen sind längst abgefahren. Sentimentale Winterliebhaber wandern ein letztes Mal über den zugefrorenen Silser-See und lassen sich dabei auch nicht von den Enten verunsichern, die in Ufernähe schon einige offene Stellen gefunden haben. Im Dorf hält der Frühling im Takt des tröpfelnden Tauwassers Einzug. In den Bergen geben Nassschneelawinen den Rhythmus vor. Grollend walzen sich Schnee und Geröll ins Tal. Noch dominiert das Schneeweiß die Berg- und Seenlandschaft. Erst in einigen Tagen wird sie wie ein Fleckenteppich aussehen: blau, grün und grauweiß und dann, dann ist Frühling – endlich.

Pfeif auf Bern!


Bern ist ein richtiges Bonbonstädtchen – zuckersüß und ein kleines bisschen klebrig. Spätbarocke Bauten, kilometerlange Arkaden, dekorative Fassadenmalereien und hübsche Figurenbrunnen genügten eigentlich schon, um den Titel "UNESCO-Weltkulturerbe" zu rechtfertigen. Doch das mittelalterliche Stadtbild wird noch gekrönt durch Berns geografische Lage. Umrahmt vom türkisblauen Band der Aare öffnet sich die Stadt gen Süden in Richtung Berner Alpen mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Das ist zu viel Idylle.
Perfektion macht misstrauisch, und so schärft sich der Blick des Besuchers beim Rundgang durch die Schweizer Hauptstadt mit jedem Schritt. Einstein entwickelte hier seine Relativitätstheorie und Goethe pries Berns Gassen als die schönsten der Welt. Zu allem Überfluss ist Bern auch noch Geburtstätte der Toblerone-Schokolade und die hübscheste Blumenstadt Europas. Blühende Rhododendrenbüsche hier, lauschige Lauben dort, leuchtendbunte Fahnenparaden in den Straßen und glitzernde Wasserfontänen vor dem imposanten Parlamentsgebäude – es lässt sich partout nichts zum Meckern finden.
Aber dann - für den spätgotischen Münster kann der erste Minuspunkt vergeben werden.
Freunden des katholisch-prunkvollen Brimbamboriums ist es im Innern des Gotteshauses zu karg und kalt, zu reformatorisch-nüchtern eben. Also schnell wieder nach draußen an die Kirchenpforte, denn dort wird alles wieder gut: Protestantische Schlichtheit und streberhafte Perfektion sind vergessen. Am Münsterportal geht es lebhaft, laut und fröhlich zu. Dort haben Berns Spatzen ihr Revier. Sie teilen es sich mit über zweihundert Sandsteinfiguren, die das Jüngste Gericht darstellen. Keck hüpfen die Spätzchen über goldlockige Heiligenköpfe, hocken auf Engelsfiguren und nisten in Königskronen. Da können Zacharias, Justitia und der Erzengel Michael noch so streng schauen, religiöse Ehrfurcht ist der Spatzenkolonie fremd. Das Kirchenportal ist ihr Paradies, für das sie zwitschernd und trällernd danken - eine gepfiffene Lobeshymne auf den Münster und auf eine der schönsten Städte der Schweiz.

Die Flip-Flop-Fatamorgana


Warum Modetrends einem die Urlaubsfreude rauben können


Flip, flop, flip, flop – das Geräusch, welches entsteht, wenn die Sohle einer Kunststoffsandale sich ploppend - je nach Schweißbildung auch ein wenig schmatzend - vom nackten Fuß löst, ist seit Jahren nicht mehr nur in öffentlichen Badeanstalten zu vernehmen. Für viele Frauen ist die Latsche mit dem Steg zwischen erstem und zweitem Zeh zu einem unentbehrlichen Modeaccessoire geworden, und so hört und sieht man die farbenfrohen Treter im Supermarkt, in der Arztpraxis, im Kino – und in der Wüste.
Dorthin wurden zwei Flip-Flopträgerinnen nicht etwa wegen ihrer nervigen Laufgeräusche verbannt, nein, die beiden Frauen urlaubten in Hurghada und machten einen Ausflug in die arabische Wüste. Ob Sand am Strand oder in den Dünen, welchen Unterschied macht das schon, dachten sich die beiden.
"Sie sind längere Zeit in der Sonne unterwegs.", hatte der Reiseleiter tags zuvor noch erklärt und geraten: "Tragen Sie lockere Kleidung, bedecken Sie Ihre Schultern und benutzen Sie Sonnenschutz." Übers Schuhwerk hat er nichts gesagt.
Nun machen sich wahrscheinlich Flip-Flop-Fans wohl die wenigsten Gedanken darüber, das Schuhwerk nicht nur modisch, sondern auch nützlich sein kann. Die Gummilatschen schützen allerhöchstens gegen Fußpilz. Nägeln, Glasscherben und Zigarettenkippen ist man in den Dingen ebenso ausgeliefert wie brennendheißem Wüstensand. Wer die beiden Frauen aus einiger Entfernung dabei beobachtete, wie sie den Versuch, bei flirrender Hitze eine Düne zu erklimmen, nach wenigen Metern abbrachen, mochte sie für eine Fatamorgana halten.
Den Rest des Tages verbrachten sie im Innern eines Beduinenzeltes und ließen sich auch nicht dadurch trösten, dass Zehenstegsandalen die Urform aller Sandalen in Nordafrika waren und somit für einen Ägypten-Urlaub eigentlich ganz passend.

Für die Katz


oder
Pinscher als blinder Passagier

Wie einfach es sein kann, mit Haustieren zu reisen


Wenn man beim Einstieg ins Flugzeug schon in den ersten Gangreihen mehrer Nylontaschen wahrnimmt, die zwecks Belüftung einen Netzeinsatz haben; wenn kurz nach dem Start Uringeruch in der Nase beißt, aber kein Säugling in der Nähe ist, dem man das Malheur nachsehen könnte, und wenn das Brummen der Turbinen gelegentlich von einem tiefen Knurren übertönt wird, dann ist man wieder einmal die einzige, die sich an die Regeln gehalten hat. Bei den meisten Fluggesellschaften gilt nämlich: Mehr als zwei Tiere sind in der Kabine nicht erlaubt.
Mein armer Kater musste sich einen Chip implantieren, gegen Tollwut impfen und Blut abnehmen lassen, um mit mir reisen zu dürfen. Er musste vier Wochen vor Reisebeginn strikt Diät halten, da die Fluggesellschaft keinen Pauschalpreis anbietet, sondern die Gebühr für den Tiertransport nach Gewicht berechnet. Erschwerend kam hinzu, dass er mit mehr als acht Kilogramm samt Transportbox in den Frachtraum verbannt worden wäre. Am Morgen des Reisetags kamen Kater und Box auf ein Gewicht von 6,4 Kilogramm. 90 Euro kostete sein ungemütlicher Platz unter meinem Vordersitz und war damit um einiges teurer als meine eigenen Flugkosten.
Ich habe keinen der blinden Passagiere verraten: nicht den Pinscher, den sein Frauchen in ihre winzige Damenhandtasche quetschte und auch nicht das Kätzchen, dass so dringend ein Katzenklo gebraucht hätte. Wieso waren die Tierschmuggler so erfolgreich? Weil die Dame am Check-in den Kater ohne meinen Hinweis gar nicht bemerkt hätte. Weil der Beamten an der Sicherheitskontrolle sich nicht für das Tier, sondern nur für die Transportbox interessiert hat, und weil selbst am Zielort, dem bürokratischen Deutschland, niemand wissen wollte, ob mein Kater tollwutfrei ist.
So waren die ganzen Impf- und Anmeldungsaktionen im wahrsten Wortsinn für die Katz.

Aussichts- oder Ansichtssache?


"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin."
So fängt es an - Heinrich Heines Lied, mit dem er die Loreley-Sage weltberühmt machte. Zwischen Rüdesheim und Koblenz, an der tiefsten und engsten Stelle des Rheins, soll die Schöne auf einem Felsen gesessen und sich trällernd ihr goldenes Haar gekämmt haben. Von ihrem Gesang verzaubert, vergaßen Flößer und Schiffer die Gefahren des Stroms und zerschellten an den Klippen. Eine singende Blondine hätte es heute auch nicht gerade leicht, solch folgenschwere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wahrscheinlich wäre ihr die Sangeslust aber ohnehin längst vergangen. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen sind die gefährlichsten Felsen längst gesprengt worden und spektakuläre Versenkungen damit gar nicht mehr möglich. Zum anderen müsste die Loreley mit einer starken Konkurrentin um Aufmerksamkeit buhlen. Die Mitbewerberin ist schweigsam, aber mit ihren ausladenden Maßen nicht zu übersehen. Dem Loreley-Felsen direkt gegenüber präsentiert sie ihre auffallende Erscheinung und räkelt sich rund einen Kilometer den Rhein entlang. Leuchtend hebt sich ihre weiße Farbe vom samtgrünen Felshintergrund ab und zieht die Blicke der Rheintalbesucher unweigerlich auf sich. Anders als die Loreley ist diese Attraktion jedoch nicht unbedingt schön zu nennen. Ihre Anziehungskraft beruht vielmehr darauf, dass sie Erstaunen, Verwunderung und Betroffenheit auslöst: Es ist eine Schlange von hunderten Campingwagen, die das Landschaftsbild dominiert und die Rheintalbesucher in ihren Bann zieht. Wohnwürfel für Wohnwürfel machen sich am Flussufer breit. "Und ruhig fließet der Rhein; der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein."
Die Camper genießen beim Blick auf Felsen und Fluss die ganze Romantik des Rheintals. Manche winken den vorbeifahrenden Schiffen. Ich winke nicht zurück. Ich schaue auf quietschbunte Vorzelte, Plastikstühle, Kühlboxen, Gasflaschen, Grillwürste und Sonnenschirme.
Ich bin traurig und weiß ganz genau, was das bedeuten soll.

Wer hat's erfunden?


Links rühren die Wipfel dunkelgrüner Wettertannen in den Wolken. Rechts öffnet sich das Tal des Bergell und geradeaus erheben sich die Gipfel der Bernina-Gruppe über den blitzblauen Silser-See. Für dieses Panorama muss man keine stundenlangen Wanderungen in Kauf nehmen oder sich gar einer Seilbahn ausliefern. Man muss nicht einmal das Haus verlassen. Man bleibt einfach liegen – in der Badewanne und schaut aus dem Fenster. Das Badezimmer mit der vielleicht schönsten Aussicht der Schweiz liegt in einem zum Hotel umgebauten Holz-Chalet im Passort Maloja.
Eingehüllt von Badeschaum sieht man dort an Winterabenden auf beleuchtete Skipisten, die sich wie Girlanden an einem Christbaum die Hänge hinunter winden. Im Frühjahr taucht man beim Grollen der abgehenden Lawinen wohlig schaudernd noch etwas tiefer ins Badewasser und schaut im Sommer den leuchtendbunten Segelbooten zu, die wie Spielzeugschiffchen über den See gleiten. Selbst Nebel vermag die Aussicht nicht zu trüben, taucht er im Herbst doch als "Maloja Schlange" auf – ein Naturschauspiel, das sich durchs Oberengadiner Hochtal zieht. Das Bad ist mit Fußbodenheizung ausgestattet, hat ausreichend Ablagefläche am Wannenrand für Getränke und Snacks und das Beste: Die Wanne bietet Platz für zwei.
Nennen wir es dem anhaltenden Wellness-Trend folgend mal das kleinste Spa der Schweiz. Das ließe sich zu einer vollkommen neue Marketingidee ausbauen. Bei all den herrlichen Berg- und Seelandschaften der Schweiz, sollte es ein leichtes sein, noch mehr Bäder wie das in Maloja zu schaffen. Damit wäre das Segment des "Badewannentourismus" erfunden. Menschen, die sich aus Angst vor Keimen nicht in den Whirlpool trauen, die sich in Anwesenheit anderer Gäste nicht recht entspannen können und die es vorziehen, die Badewassertemperatur selbst zu regulieren, wären die stetig wachsende Zielgruppe. Statt auf zahngelbe Schwimmbadkacheln und in Moorpackungen gehüllte Körper schauten wir dann auf Almweiden und Bergseen und würden uns darüber freuen, dass die Schweizer wieder einmal etwas richtig Gutes erfunden haben.

Die Trolley-Tragödie


Was ist eine verzweifelt dreinblickende Frau in einem Zugabteil kurz vor Einfahrt in ihrem Zielbahnhof? Ein Trolley-Opfer. Das ist kein Witz. Seit der Erfindung dieser rollenden Kleidersärge spielen sich Tag für Tag Tragödien in deutschen Zügen ab.
Früher nahm jeder nur so viel Gepäck mit, wie er tragen konnte. Wer gegen diese Regel verstieß, kam erst gar nicht die Hausflurtreppe hinunter. Seit wir unsere unverzichtbaren Reiseutensilien aber nicht mehr schultern oder unsere Armmuskeln damit überstrapazieren müssen, gerät das Gewicht des Gepäcks oft in Vergessenheit. So wurden aus einst sympathischen Reisetaschenträgern Trolley-Trampel, die anderen mit ihrem "Ziehwagen in Schrankformat" über die Füße oder gegen die Knie fahren. Am Ende von Rolltreppen bleiben sie mit ihren Transport-Ungetümen garantiert orientierungslos stehen, während sich die Menschen hinter ihnen aneinander quetschen wie der Balg einer Ziehharmonika.
In Horden rollen Trolleys mit klackernden Kugellagern und surrenden Kunststoffrädern über den Asphalt – folgsam und brav. Erst wenn sie in die Gepäckablage gehievt werden sollen, zeigt sich ihre ganze Heimtücke: Sie sind zu schwer, viel zu schwer. Selten sitzen dann so viele bandscheibengeplagte Männer im selben Bahnabteil, wie in dem Moment, in dem sich eine Dame mit XXL-Trolley nähert. Folglich verstopfen die Schwergewichte regelmäßig die Gänge und werden sogar auf dem Nachbarsitz gelagert. Wer seinen reservierten Platz in Anspruch nehmen möchte, muss entweder sehr durchsetzungskräftig oder Gewichtheber sein. Dumm nur, wenn der durchtrainierte Muskelmann vor dem Trolley-Fahrer aussteigt. Dann ergeht es jenem ebenso wie der eingangs erwähnten Dame. Die bestätigte das Trolley-Gesetz der umgekehrten Proportionalität, das besagt: Je zierlicher die Person, die zieht, desto größer ist der Trolley, der hinten dran hängt. Sie brachte ihren Trolley tatsächlich nicht mehr rechtzeitig aus dem Ablagefach hinunter und musste vierzig Minuten bis zur nächsten Station weiterfahren.

Dress-Code für Reisende


Was Markenkleidung über Globetrotter verrät

Aus mir wird nie ein echter Globetrotter. Wenn ich verreisen möchte, überlege ich, wo es schön sein könnte, sitze stundenlang in der Reiseliteraturabteilung der Buchhandlung, warte dann angespannt auf die Email, die mir meine Online-Flugbuchung bestätigt und suche schließlich eine Urlaubspflegestelle für den Kater. Mehr Vorbereitungen scheinen mir nicht nötig, und genau diese Laxheit disqualifiziert mich für ein Dasein als echter Traveller.

Schon in den 70er-Jahren betrieb meine Mutter mehr Aufwand als ich heute. Sie reiste damals immer mit einem zusätzlichen Täschchen voller Hygieneartikel, weil sie nicht glauben wollte, dass Binden, Haarspray und Shampoo auch am Urlaubsort erhältlich sind. Mittlerweile ist fast alles fast überall zu kaufen, doch für echte Globetrotter kommt es heute entscheidend auf die geprüfte Qualität eines Markennamens an. Der wahre Traveller kann seine rechte Reisegesinnung nur mit dem Kauf des richtigen Reise-Equipments beweisen. Wer sich nicht bei einschlägigen Outdoorausstattern hat ausstaffieren lassen, dem fehlt die nötige Eintrittskarte in den Club der Traveller-Elite.
Wie viele Kunden solcher Läden reisen wohl in Gegenden in denen man Schlafsäcke für sibirisch kalte Außentemperaturen benötigt? Wie um Himmels Willen überlebt der Sherpa ohne volumenregulierbare, atmungsaktive und mit Zwei-Wege-Front unterlegter Funktionskleidung? Und was bitte lässt glauben, dass es Moskitonetze nicht auch im Malariagebiet zu kaufen gibt?
Ein Freund, ein wahrer Funktionskleidungsfanatiker und trotzdem mein Freund, hielt "Nicht-Gebrandmarkte" wie mich des Reisens eigentlich für unwürdig. Leider, leider musste er in einem Gefilde, dessen Klima eigentlich keine größere Herausforderung an die Bekleidung stellte, einen Spaziergang wegen nasser Socken und Kopfkälte abbrechen, wohingegen ich ihn in meinen No-Name-Schuhen trockenen Fußes nach Haus begleitete.
Die einen trotten, die anderen trotteln um den Globus.

Die Botschaft der Beschwerde-Chöre


Na so was, die Heilsarmee-Chöre sind in Zürich aber größer als in Berlin, denke ich, als ich die Straßenbahn verlasse. An der Haltestelle Stauffacher, direkt vor der Sankt-Jakob-Kirche haben sich rund zwanzig Sängerinnen und Sänger in einem Halbkreis formiert. Doch nur eine ältere Frau singt. Sie ist eine von denen, die einem die Freude am Mitsingen verdirbt, weil man ihre kastratische Tonhöhe nie erreicht. Mit hellem Stimmchen kämpft sie an gegen das Quietschen der ständig an- und abfahrenden Bahnen und gegen das tiefe Brummen eines Alp-Horns. Zu ihrer Unterstützung stimmen schließlich auch die anderen Chormitglieder in eine ruhige und liebliche Melodie ein:

"Uns regieren nur Wirtschaftsinteresse, Mitbestimmung können wir hier vergessen.
Die Katze vom Nachbarn soll aufhören, immerzu auf meinen Balkon zu scheißen."

Kein Wort über den Herrn, den guten Hirten oder die Gnade Gottes, stattdessen folgen weitere Klagen über den ekeligen Pilzbefall im Badezimmer und über Schweizer Versicherungsgesellschaften. Von wegen Heilsarmee, ich stehe vor dem ersten Beschwerde-Chor Zürichs. Statt zu motzen, zu fluchen und zu schimpfen, machen seine musikalisch mehr oder weniger talentierten Sänger ihrem Ärger einfach Luft, ganz nach dem Motto: "Was ich dir immer schon mal singen wollte." Strophe für Strophe entsteht so ein ganz ungewöhnliches Porträt der Stadt Zürich und ihrer Menschen.
Das Beste ist – die Zürcher sind nicht allein. Mittlerweile gibt es rund achtzig Beschwerde-Chöre weltweit und ihr Gesang wird zu einer hilfreichen Informationsquelle für alle Reisenden:

"In Helsinki stinkt es in der Straßenbahn-Linie 3 immer furchtbar nach Urin. In Florenz gibt es keine gemütlichen Kneipen mehr, sondern nur noch trendige Bars. In Birmingham ist das Bier zu teuer und in Budapest sind die wenigen existierenden Radwege mit Kopfstein gepflastert."

Das erfahre ich doch sonst in keinem Reiseführer.



Info:
www.complaintschoir.org

Reisen in Zeiten der Aschewolke


Wie Islands Vulkan den Abschied von der Auvergne erleichtert


Seit dem Ausbruch des isländischen Vulkans “Eyjafjalla" ist in weiten Teilen Europas an Fliegen nicht mehr zu denken, auch in Frankreich nicht. Geschickter Weise hat die Gewerkschaft der französischen Bahn zur gleichen Zeit ihren großen Streik beginnen lassen. So strandeten überall im Land Menschen auf Bahnhöfen und Flughäfen. Nach tagelangem Ausharren blickten sie mit Gesichtern wie steif getrocknete Frotteewaschlappen auf die Anzeigetafeln.
Auch ich saß in Frankreich fest, kurioserweise in der Auvergne, der größten Vulkanregion Europas. Die letzten Ausbrüche fanden dort vor rund 5000 Jahren statt. Ganz erloschen sind die Vulkane allerdings nicht. Sie liegen nur im Tiefschlaf. Dazu passt, dass sie in der ganzen Woche, die ich in der Auvergne verbracht habe, unter dichten Nebel- oder Wolkendecken schlummerten. Nur schemenhaft ließ sich die Silhouette der Chaîne des Puys, einer Kette von über 80 Vulkanen, erkennen. Noch am Tag der geplanten Abfahrt sah es so aus, als würde ich mir die Vulkane der Auvergne weiterhin in der Werbung für Volvic-Wasser anschauen müssen. Doch dank der unfreiwilligen Verlängerung meines Aufenthaltes bekam ich sie dann doch noch zusehen. Während die Aschewolke aus Island den Himmel über Europa trübte, verzog sich der Nebel aus der Auvergne und gab den Blick frei auf den 1.465 Meter hohen Vulkanberg "Puy de Dôme". Umgeben ist er von Reihen grüner Lavabuckel, die aussehen als gäben Riesenschildkröten sich ein Stelldichein und von Vulkankegel, die sich hintereinander staffeln wie scharf gezackte Haifischzähne.
Einige der Wartenden, an denen ich am nächsten Tag am Flughafen vorbeilief, haben sich durch mein Dauerlächeln bestimmt provoziert gefühlt, denn noch immer waren alle Flüge annulliert. Den Grund für meinen Frohsinn kannten sie ja nicht. Von der Auvergne verabschiedet man sich nicht, ohne ihre Vulkane gesehen zu haben, dachte ich und ging zum Mietwagenverleiher.

Die Ohrentöter


Wie man sich verhören und dadurch eine elementare Körpererfahrung verpassen kann.

"Earkiller, earkiller!" hallt es durch die engen Gassen in Siliguri. Der Rufer ist ein kleiner, hagerer Inder. Seinen verschlissenen Wickelrock hat er auf Kniehöhe gebunden, weil Monsunregen die Straßen überflutet haben. Über seiner linken Schulter baumelt eine kleine Ledertasche, mit seinen wichtigsten Utensilien darin. "Earkiller, earkiller", ertönt es noch einmal. Wieder nimmt niemand vor dieser Drohung Reißaus. Im Gegenteil, gleich drei Männer lassen sich als anscheinend willfährige Opfer anlocken. Der erste bereitet sich bereits auf das Kommende vor, indem er auf einem Mauervorsprung Platz nimmt und den Kopf schief legt. Der Ohrentöter zieht nun aus seinem Ledertäschchen nacheinander Flakons, Tücher, Tuben und silberne Stäbchen hervor, die mit ihren Haken, Nadeln und Mini-Bürsten sehr an Zahnarztbesteck erinnern. Nachdem er etwas Flüssigkeit in das Ohr seines Kunden geträufelt hat, wählt er die längste und spitzeste Nadel aus, um sich mit kreisenden Bewegungen in den Gehörgang vorzuarbeiten. Die Ergebnisse dieser Lockerungsübung werden anschließend durch den Einsatz eines kleinen Schabers noch verfeinert und in der nächsten Behandlungsphase sichtbar gemacht: An kleinen Widerhaken kleben gelbbraune Fundstücke. Jedes empor geholte Klümpchen präsentiert der Ohrentöter seinem Kunden nun als Ergebnis seiner tadellosen Arbeit. Bevor er die Prozedur am anderen Ohr wiederholt, wird noch reichlich ausgebürstet, gepustet und ein wenig gesalbt. Das unentwegt sanfte Lächeln des Kunden, lässt auf eine vollkommen schmerzfreie Reinigung schließen.
Der Mann leistet offensichtlich gute Arbeit. Doch Touristen werden seine Dienste wohl erst in Anspruch nehmen, wenn sie sich an sein eigentümliches Indisch-Englisch gewöhnt haben und statt Earkiller das eigentlich gemeinte Earcleaner verstehen.

Die Liebe zur Langsamkeit


Es ist zurzeit populär, sich über das marode Griechenland zu mokieren und den bauernschlauen Stratos und den faulen Costas zu belächeln. Wussten wir es doch schon immer: Wir arbeiten mehr, sparen mehr, übernehmen mehr Verantwortung, während die Mittelmeermenschen Siesta halten, ihren Staat übers Ohr hauen, unentwegt streiken und erst nach zehn Uhr abends zum Essen gehen.
Aber wir verbringen unseren Urlaub doch nicht ohne besonderen Grund immer wieder auf Kos, Kreta, Mykonos, Lesbos oder Euböa - jene Orte, deren Namen nach Meer, Olivenöl und Anisschnaps riechen und die Ruhe, Gelassenheit und Müßiggang versprechen. Wir wollen wenigstens für ein paar Wochen am griechischen Lotterleben teilhaben und im Schatten silbriggrüner Olivenbäume sinnlose Hast und Alltagsroutine vergessen. Die Griechen haben die Begriffe hektikós, logiká und oikonomikos zwar erfunden, aber anschließend sofort wieder die Verantwortung dafür abgegeben. Hektisch, vernünftig und wirtschaftlich können die anderen sein, den Griechen genügt Gottvertrauen und ihre Liebe zur Langsamkeit. In den Kafenions nippen die alten Männer schildkrötenhaft an ihren Mokkatassen. Warten sie, um Kaffee trinken zu können, oder trinken sie Kaffee, weil sie warten müssen? Mit jedem der winzigen Schlucke, rinnt die Zeit tiefer auf den Tassengrund. "Siga, siga!" – "Langsam, langsam!" Manchmal warten sie tatsächlich, zum Beispiel darauf, dass der Mann, der die Zugfahrkarten verkauft, endlich seinen Schalter öffnet. Kommt er nicht, erklärt der Bahnhofsvorsteher kurzerhand, dass heute der Tag der Gratisfahrten sei und freut sich über die vielen glücklichen Gesichter. Effizienz und Wohlstand erreichen die Griechen so nicht, aber das Patent auf Entschleunigung und Einfachheit ist ihnen auf alle Zeiten sicher. Das wusste auch schon Nikos Kazantzakis. "Ein Glas Wein, eine geröstete Kastanie, ein winzig kleines Kohlenfeuer, der Klang des Meeres. Alles, was du brauchst, um das Glück im Hier und Jetzt zu erfahren, ist ein einfaches, genügsames Herz.“ Glückliche Griechen!

Ein Brocken als Mitbringsel


Schweizer Souvenirs

Vor Urlaubsantritt hat man es sich geschworen: Dieses Mal gibt es keine Postkarten und auch keine Mitbringsel für Freunde und Verwandte. Aber am Ende der Ferien hetzt man dann doch wieder durch die Souvenirläden, über Märkte und die ganz Verzweifelten greifen noch im Duty-Free-Shop zu. Schließlich forderte Bill Ramsey schon zu Wirtschaftswunderzeiten: " Souvenirs, Souvenirs, kauft ihr Leute, kauft sie ein, denn sie sollen wie das Salz, in der Lebenssuppe sein.", und da sich an der Konsumfreude der Deutschen bis heute nichts geändert hat, schlummern in Vitrinen, Schränken und Kartons ganze Souvenir-Heere: Plastikminiaturen vom Eifelturm, Moskauer Matroschka-Figuren, Naturschwämme aus Griechenland, Plüschkamele aus Tunesien, Berliner Mauersteine und Muscheln aus Miami. Von einem Besuch in der Schweiz bringt man typischerweise Schokolade, Uhren oder Messer mit, es sei denn, man möchte den Daheimgebliebenen mal richtig etwas einbrocken. Dann empfiehlt sich ein Besuch in der Brockenstube. Hinter diesen Brockis verbergen sich Sammel- und Verkaufsstellen für gebrauchte Waren, deren Erlöse oft sozialen Einrichtungen zufließen. Den Namen haben diese Läden einem Bibelzitat über die Speisung der Fünftausend zu verdanken. Demnach sprach Jesus zu seinen Jüngern:„Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verloren gehe!“ Wenn Schweizer ihre Brocken sammeln, kommt dabei eine kunterbunte Mischung heraus, die sogar das Sortiment großer Kaufhäuser übertrifft: Vom Fondue-Geschirr über Design-Lampen aus den 1950er, antiken Puppenstuben, Kuhglocken, Hamsterrädern, Zithern, Briefmarken, Bratpfannen, Trachtenblusen, Nierentischchen, Käsemesser, Kuckucksuhren bis zum Badewannenlift ist alles da. Dass eines der reichsten Länder der Welt die Kultur der Gebrauchtwarenläden pflegt, macht die Schweiz sympathisch und zeigt, wie wahr das alte Sprichwort doch ist: "Vo de Riiche muesch s Spare lerä." "Von den Reichen musst du das Sparen lernen." –
und das kann man auch im Urlaub.